Die Zeitung im Gefrierschrank

Sauerlandkurier

Arnsberg, 04.01.2009

Die Menschen mit Demenz haben seit einem drei­viertel Jahr im Arns­berger Raum die Chance, von Beginn ihrer Krank­heit an Hilfe zu bekommen. Das Projekt "Demenz Arns­berg", finan­ziell unter­stützt von der Robert Bosch Stif­tung, hat drei Stütz­punkte aufge­baut, an die sich Ange­hö­rige wenden können.

Martin Polenz, Projektleiter, und Beate Botte, Ansprechpartnerin vom St. Johannes-Hospital. Foto: Gaby Decker

Zunächst das meist bekannte Szenario: Brille im Kühlschrank, das Portemonnaie im Eisfach und der Autoschlüssel bei den Medikamenten. Demenz hat ein Bild in unserer Gesellschaft. Aber für jeden Einzelnen, den die Diagnose trifft, ist sie vernichtend. Was in den nächsten sieben bis acht Jahren noch zu erwarten ist, ist ein Leben, das mehr und mehr der Dunkelheit verfällt.

Die Angst, an Demenz zu erkranken, ist groß. Solange noch das Bewusstsein über die eigene Vergesslichkeit vorhanden ist, besteht ferner die Gefahr, zusätzlich noch in eine Depression abzurutschen. Dazu kommt die Scham des Betroffenen.

Das eindeutige Ziel ist: "Ich muss meine Defizite solange wie möglich vor anderen verbergen." Wer sich noch einigermaßen zu helfen weiß, stürzt sich in einen Zettelaktionismus. Zur Orientierung durch den Alltag wird alles aufgeschrieben, was irgendwie notwendig erscheint. Es ist für uns Menschen schlimm, vor uns selbst zugeben zu müssen, dass die geistigen Fähigkeiten rapide abnehmen. Werden die nächsten Angehörigen darauf aufmerksam, bedarf es manchmal großer Überredungskunst, einen Arzt aufzusuchen.

Schreitet die Krankheit fort, nehmen auch die Probleme zu. Normale Tätigkeiten wie Ankleiden und Essen werden zur Hürde. Für die pflegenden Angehörigen eine tägliche Herausforderung, die irgendwann kaum noch zu bewältigen ist. Ein Stück Lebensqualität auf beiden Seiten gilt es zu erhalten. Ungehalten sein bis Zorn auf der einen Seite - "Frag mich jetzt nicht zum fünften Mal, wo dein Portemonnaie ist", große Verunsicherung bis Starrköpfigkeit auf der anderen Seite - "Die wollen mir mein Geld wegnehmen". Die Gefühle spielen in dieser Beziehung, Kranker und Pflegender, eine schwerwiegende Rolle, denn die nehmen nicht ab. Gefühle sind immer vorhanden.
Lassen sich nicht in die Karten schauen

Die Sehnsucht, gemocht zu werden, in den Arm genommen zu werden oder nur einmal ein Lob zu hören, bleibt bei uns Menschen ein Leben lang erhalten, egal ob krank oder gesund. Die Würde des Menschen ist stark davon abhängig, ob er sich trotz aller Mankos geliebt oder abgelehnt fühlt. Denn die Momente der Erkenntnis um den eigenen Zustand sind auch noch da, wenn die Geisteskraft schon abgenommen hat. Und wieder schämt sich der Erkrankte. Die Scham liegt nicht nur bei den Betroffenen. Auch heute ist Demenz in der Familie oft noch ein Thema, das möglichst nicht nach außen dringen soll.

Dass Opa oder Oma den sonntäglichen Besuch in einer Stunde vier Mal das Gleiche fragen, wird dann mit einer Ausrede zugedeckt. Man lässt sich nicht in die Karten schauen. Dies genau ist der Punkt, an dem die Mitarbeiter des Projektes "Demenz Arnsberg", gerne eingreifen würden. Die Möglichkeiten der Hilfestellungen für die Familien, die sie von außen bekommen können, ist sehr vielschichtig. Individuell werden hier Fragen beantwortet und Probleme angegangen oder sofort gelöst. Die Mitarbeiter der Stützpunkte arbeiten kostenlos für die Betroffenen und ihre Familien. Es kann bei einem einmaligen Besuch eines Angehörigen bleiben, es kann aber auch zu einer regelmäßigen Begleitung kommen.

Ist ein Besuch zu Hause gewünscht, wird das gemacht. Vorschläge zur Erleichterung des Alltags kommen von den Mitarbeitern der Stützpunkte, die auf Berufe wie Altenpflege oder Sozialarbeit zurückgreifen können. So zum Beispiel die Einsetzung von Ehrenamtlichen, die es ermöglichen, dass ein Pflegender einmal ein oder zwei Nachmittage etwas für sich tun kann; die Tagespflege in der Geriatrie im St. Johannes-Hospital, die es ermöglicht, sich wieder um andere Dinge zu kümmern, als um den Erkrankten. Dann ist es auch möglich, ihn mit mehr Liebe und Fürsorge am Abend wieder zu empfangen. Dem Kranken dies entgegen zu bringen, ihn in seiner Würde zu belassen und ihm Wertschätzung zu zeigen, sollte, so schwer es manchmal sein mag, an erster Stelle stehen.

Das Projekt "Demenz Arnsberg" wird insgesamt drei Jahre laufen. Es wird versucht, in dieser Zeit möglichst viele Vernetzungen herzustellen. So sollen zum Beispiel Vereine mit ins Boot geholt werden. Besonderen Wert legt das Team unter der Leitung von Martin Polenz darauf, Jugend und Alter zusammenzubringen. Kindergärten besuchen Altenheime, Projekte mit dem Jugendbegegnungszentrum gab es und wird es auch wieder geben.

Wer von klein auf lernt, dass es auch eine andere Normalität gibt, als das, was gemeinhin als "Normal" angesehen wird, hat später keine Grenze zu überwinden, mit Menschen und deren Demenzerkrankung umzugehen.

Was für die Gesellschaft heute schon zwingend ist, ist ein Umdenken. Der an Demenz Erkrankte und seine Angehörigen sind nicht das eigentliche Problem. Die Problematik steckt in uns allen, die wir die Erkrankten in unsere Mitte nehmen und sie in unsere augenscheinlich gesunde Normalität aufnehmen müssen, damit Scham, Unsicherheit und Angst auf allen Seiten aufhören.