Demografischer Wandel: Die Zeitbombe tickt

11.06.2010 / Lena Siegel/Lokalausgabe WP


Arnsberg. Während die Jugend mit wachsender Sorge die eigene unsichere Altersversorgung, den Anstieg der Pflegebedürftigen und der Arbeitslosigkeit vor Augen hat, fühlt sich die ältere Generation allein gelassen, befürchtet zu vereinsamen oder entwurzelt zu werden. Stadtplaner, Geografen und Sozialpädagogen stehen vor einer Herkulesaufgabe. Sie versuchen die tickende Zeitbombe geografischer Wandel zu entschärfen. Ob es gelingen wird?

Die Stadt Arnsberg ist bereits seit einigen Jahren auf einem guten Weg. Sie hat früh auf den demografischen Wandel reagiert und gilt mittlerweile als Vorzeigeregion. Doch was würde passieren, wenn Arnsberg nichts gegen den demografischen Wandel und für das gegenseitige Verständnis zwischen Jung und Alt unternehmen würde? Denn die Veränderung in der Bevölkerungsstruktur wirkt sich auf fast alle Lebensbereiche aus.

Erfahrungen aus Arnsberg zeigen, dass die Auswirkungen immer erst im eigenen Wohnumfeld konkret werden: „Die Anwohner stellen fest, dass ihre Bushaltestelle weg ist oder der Hausarzt die Praxis aufgibt. Sie verbinden die Situation aber nicht gleich mit dem demografischen Wandel", berichtet Marita Gerwin von der Zukunftsagentur Fachstelle „Zukunft Alter". Ihre Strategie: Das Szenario transparenter machen. „Wir versuchen den Bürgern zu vermitteln, dass Veränderungen unvermeidbar sind. Wir beziehen sie mit ein und setzen auf ihre Kompetenz und ihre Ideen", erklärt ihr Kollege Martin Polenz das Konzept. „Unter dem Motto „Viele Köpfe denken lassen" suchen wir den Dialog mit den beteiligten Bürgern. So erfahren wir, wo der Schuh drückt und in welche Richtung es gehen soll."

Polenz sieht drei unterschiedliche Herausforderungen durch den demografischen Wandel. Zum einen die Pflegebedürftigkeit: „Die Zahl der Pflegebedürftigen wird stark ansteigen. Die Versorgung dieser Menschen sicherzustellen wird ein Problem werden." Steigende Kosten im Pflegebereich könnten eine zusätzliche Belastung für die junge Generation sein. „Heute wird Pflege zumeist innerhalb der Familie organisiert. Da wir als Gesellschaft immer weniger Kinder bekommen und die Anforderungen durch Beruf und Familie höher geworden sind, wird die Familie zukünftig immer seltener die alleinige Versorgung der pflegebedürftigen Angehörigen übernehmen können."

Eine weitere Herausforderung sieht Diplom-Geograf Polenz in der Solidarität zwischen den Altersgruppen. „Wir müssen einen Dialog zwischen den Generationen initiieren, denn durch das Kennenlernen des Anderen kann Verständnis und Toleranz entstehen.". Sozialpädagogin Gerwin ergänzt: „Jung und Alt müssen um die gegenseitigen Interessen und Fähigkeiten, aber auch Sorgen und Nöte wissen. Wir sehen die Chance im Miteinander von Jung und Alt. Deshalb versuchen wir z.B. neue Wohnformen zu entwickeln, in denen junge Familien mit alten Menschen zusammenwohnen", so Gerwin.

Mit Aktionen wie dem Projekt Opaparazzi möchte Gerwin den Austausch fördern. Ein weiteres Beispiel: „In der Kita Entenhausen in Bruchhausen gehören Senioren selbstverständlich dazu. Sie spielen mit den Kindern und geben ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiter." So können sich Jung und Alt „beschnuppern" und kommen sich näher.

Als dritte Herausforderung benennt Polenz die Vereinsamung. „Viele Senioren haben sich stark über ihre Arbeit definiert. Mit dem Ende der beruflichen Tätigkeit fallen viele Dinge weg, die ihrem Leben Sinn und Struktur gegeben hatten." Diese positiven Aspekte des Arbeitslebens würden ihnen häufig fehlen. „Es droht der Rückzug ins Private", macht er deutlich. Ein Lösungsansatz: Neue Aufgaben annehmen. „Wir unterstützen ältere Menschen dabei, ihre neu gewonnene, freie Zeit sinnvoll einzusetzen. Das gibt den Engagierten das wertvolle Gefühl, wichtig für die Gesellschaft zu sein. Von ihrem Einsatz kann die ganze Nachbarschaft profitieren, Kinder und Jugendliche ebenso wie Berufstätige und Senioren."

Es gibt eine Vielzahl an Projekten in Arnsberg: Senioren organisieren das Generationenmagazin „Sicht", beteiligen sich im Seniorenbeirat der Stadt. Alte Menschen geben ihr Wissen an Schulkinder weiter, besuchen Kitas oder werden Paten für verhaltensauffällige Kinder mit Lernproblemen. In der „Akademie 6 bis 99" forschen und lernen Jung und Alt gemeinsam, Menschen mittleren Alters engagieren sich in Altenheimen, spielen mit den Bewohnern Bingo und lauschen Geschichten über vergangene Jahre. Jugendliche schulen Ältere am Computer oder unterrichten sie in Englisch, Kinder besuchen regelmäßig Alteneinrichtungen. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Es entstehen Freundschaften, das Vertrauen wächst.

Viele dieser Aktivitäten werden von der Stadt Arnsberg angeregt, begleitet und unterstützt. Marita Gerwin: „Die Zahl der Pflegebedürftigen wird stark ansteigen. Die Versorgung dieser Menschen sicherzustellen wird ein Problem werden. Kinderlärm ist Zukunftsmusik, auch im Altenheim!". So kann die Zukunft gemeistert werden und das Auseinanderdriften der Generationen verhindert werden.