Das Thema "Demenz" aus der Tabu-Zone holen

26.02.2008 / Lokalausgabe WP
Hüsten. (ad) Den demografischen Wandel kann man nicht mehr aufhalten. Die Bevölkerung wird immer älter, die Zahl der Älteren steigt und somit auch die Demenzerkrankungen. In der Stadt Arnsberg leben schon heute über 1 000 Menschen mit Demenz. Mit dem "Projekt Demenz Arnsberg" will man nun das Thema aus der Tabuzone holen. Dazu aufgerufen sind Bürgerschaft, Experten, Vereine, Organisationen, Institutionen sowie Industrie und Handwerk. Sie werden gefordert am dreijährigen Projekt mitzuwirken.

"Das ist eine gemeinsame soziale Aufgabe von großer Bedeutung für die Zukunft des Zusammenlebens in unserer Stadt", meinte gestern Bürgermeister Hans-Josef Vogel bei der Projektvorstellung im Memory-Haus Hüsten. Es gebe viele Fragen, die beantwortet werden müssten. Denn nur so könnten Präventionsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt werden. Trotz der guten Versorgung in den Bereichen Medizin, Pflege, Betreuung, frage man sich, ob die Angebote transparent, ausreichend und aufeinander abgestimmt seien.

Die Stadt Arnsberg hat mit wichtigen Akteuren in einem Initiativkreis das Projekt entwickelt. Das landesweit wohl einmalige Modellprojekt wird aus der Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung in der Robert Bosch Stiftung mit bis zu 646 000 Euro gefördert. Es ist die größte Förderung, die Arnsberg für ein soziales Projekt bekommen hat. In der dreijährigen Phase werden alle Daten, Fakten und Einzelprojekte zusammengetragen und von der Stiftung anderen Städten und Gemeinden als Hilfe zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist in verschiedene Themen aufgeteilt. Dazu gehören Medizin, Pflege, Betreuung, Wohnen, Umfeld und die Beratung, so Projektleiter Martin Polenz.

Es werden drei Stützpunkte - in Alt-Arnsberg beim Caritasverband, in Hüsten im Memory-Haus und in Neheim im St.-Johannes-Hospital - eingerichtet. Hier können sich Ratsuchende informieren. Hier werden auch wichtige Informationen für die "Lernwerkstatt Demenz" gesammelt, die in das Projekt mit einfließen. "Es gibt immer wieder Situationen oder auch Anregungen, an die wir gar nicht denken", so Marita Gerwin von der Zukunftsagentur. Die Demenz zeigt unterschiedliche Formen auf, mit den damit verbundenen Anforderungen sind die Angehörigen überfordert, so Dr. Meinolf Hanxleden, Chefarzt der Geriatrie im JoHo. Das schließt auch Familien mit ausländischen Wurzeln ein. Er fordert eine Kooperation der Hausärzte. Sie sind die Garanten oder die so genannten "Frontwor-ker" und somit auch verantwortlich für die Enttabuisierung.

Demenz ist ein schleichender Prozess. Die Betroffenen leben in anderen "Sphären" und man muss sich in deren Welt hineindenken. Ludger Clemens, Projektentwickler des Service-Haus und Memory-Haus, geht noch weiter. Er behauptet, was früher über eine stationäre Einrichtung lief, wird es in Zukunft finanziell nicht mehr zu tragen sein. Ein Versorgungsmix aus familiärer und professioneller Betreuung im häuslichen Bereich wird entstehen. Während der Modellphase wird ein Fördertopf für aktive Bürger, Firmen, Vereine und Institutionen bereitgestellt. Das Projekt beginnt mit einer Auftaktveranstaltung am 5. März um 17 Uhr im Kulturzentrum am Berliner Platz. Ab dann liegen die Antragsformulare in den Bürgerbüros aus oder sind per Internet verfügbar. Während einer Pressekonferenz stellte die Initiativkonferenz gestern das "Projekt Demenz Arnsberg" im Memory-Haus in Hüsten vor. Foto: Benke