Alte und Junge erleben das Leben

Arnsberg, 16.06.2009, Von Theo Hirnstein

Arnsberg. Jung zu sein ist toll, älter zu werden weniger schön. Um nicht zu sagen: ziemlich bedrückend. So sieht die Gesellschaft sich selbst. Die Generationen drohen auseinander zu driften.

Die Jungen fürchten sich angesichts der immer größer werdenden Zahl der Alten vor der „Diktatur der Stabelstöcke", die lebensklugen Alten dagegen vor dem Unverständnis der Jungen. Aber: In der Stadt Arnsberg wird gegengesteuert.

Älter zu werden, ist nicht schlimm, sondern normal, jünger zu sein, ist kein Verdienst, sondern ein kostbares Privileg. Die Generationen müssen nach dem Verlust der „demografischen Mitte" neue Wege des Miteinanders finden, sich ergänzen können, von Erfahrungen der Alten ebenso profitieren wie von der Lebenslust der Jungen.

In der Fachstelle der Stadtverwaltung mit der viel sagenden Bezeichnung „Zukunft Alter" laufen die Fäden zusammen. Von hier aus ist ein Netzwerk geknüpft worden. Wer kann was leisten, wer kann was bewirken, wo werden Ältere und Jüngere gleichermaßen gebraucht? Ehrenamtliches Engagement, so die Erfahrung von Marita Gerwin und Martin Polenz in der Fachstelle, verleiht Flügel, gibt vor allem Sinn, holt manch eine(n) aus der privaten Isolation und öffnet neue Horizonte. „Alter im Aufbruch" heißt das in Arnsberg.

Dabei, so Bürgermeister Hans-Josef Vogel, sei ein neues Bild vom Alter nötig, „das an Fähigkeiten ansetzt und nicht an Defiziten." Die Fachstelle, so Sozialpädagogin Marita Gerwin, hilft dabei, die richtige Form des Engagements zu finden, Türen zu öffnen für ein Engagement in Schulen, in Kindergärten, in Jugendzentren und anderswo. Das Leben so zu erleben, wie es ist und wo Jahreszahlen eine untergeordnete Rolle spielen, wenn überhaupt.

So sind bemerkenswerte Projekte entstanden, etwa die „Patenschaften von Mensch zu Mensch". Ein Team stärkt Familien, gestaltet in den Schulen Unterricht der anderen Art, indem berufliches oder anderes Fachwissen eingebracht wird, oder hilft Kindern, Lernziele zu erreichen. Anders herum: Die Kindertagesstätte „Die kleinen Strolche" besucht regelmäßig das Seniorenheim „Zum guten Hirten". „Kinderlachen ist Zukunftsmusik", meint Marita Gerwin. Es gibt auch ein kreatives Sommmeratelier der Generationen und eine Künstlerwerkstatt im „Café Zeitlos", beides im Jugendbegegnungszentrum Liebfrauen.

Vielfach, so Gerwins Kollege Martin Polenz - er hat Sozialgeographie/Stadtforschung studiert - müsse die zwischen den Generationen herrschende Sprachlosigkeit aufgelöst werden. Dass das geht, beweise das Projekt „Demenz Arnsberg", in dem sich Jüngere um unter dieser Krankheit leidende ältere Menschen kümmern. Ein beinahe anrührendes Beispiel aus jüngster Zeit: Eine behinderte Frau kann ihren demenzkranken, aber naturverbundenen Mann bei täglichen Spaziergängen nicht mehr begleiten. Jemanden dafür zu bezahlen übersteigt ihre finanziellen Möglichkeiten. Martin Polenz hat gesucht und ist fündig geworden: Ein 87-Jähriger, noch so fit wie seine Wanderschuhe, hat diese Aufgabe übernommen - ohne Entgelt.

Kurz: Was früher wie selbstverständlich von Verwandten oder von Nachbarschaften geleistet wurde, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Also müssen neue Systeme gefunden und gefördert werden, die das in diesen Zeiten übernehmen. Menschen, oft emotional ausgetrocknet und daher seelisch krank, erleben Gemeinsamkeiten, finden Gesprächsstoff und haben das Gefühl, gebraucht zu werden. Das heilt manches Zipperlein. Schon jetzt wird ein Workshop „Tanzen" vorbereitet, der im Herbst stattfinden wird und der genau dies aufgreifen soll: emotionales Erleben.

Fachstelle „Zukunft Alter" der Stadt Arnsberg, Lange Wende 16a (Marita Gerwin, Martin Polenz), 02932/201-2206 oder www.arnsberg.de/zukunft-alter